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Written by: Marcel Kanz in 24. Januar 2019

Jeder Reiter, sofern er sein Pferd nicht vorher verkauft,  steht irgendwann vor dem Punkt der „Rentenfrage„. Sei es aus Altersgründen oder auch, weil das Pferd aufgrund einer Verletzung oder Krankheit nicht mehr reitbar ist. Während es früher weitestgehend üblich war solche Pferde zum Metzger zu bringen, ermöglichen es heutzutage doch immer mehr Menschen ihrem vierbeinigen Freund, die letzten Lebensjahre an einem schönen Altersruhesitz zu verbringen. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß es heute weitaus mehr Betriebe gibt, die solche sogenannten Gnadenbrotplätze anbieten.

Hat man sich entschieden, daß nun der Tag X gekommen ist, hat man als Pferdebesitzer jedoch eine große Verantwortung bezüglich des Wie und Wo. Denn nicht jeder Gnadenhof ist wirklich eine Gnade für ein altes Pferd. Es ist auf keinen Fall damit getan, sein Pferd einfach in eine Herde auf eine Wiese zu stellen, sich dort weitestgehend selbst zu überlassen und zu glauben, nun habe man seine Pflicht getan und das Pferd müsse nun ein glücklicher Rentner werden.

Was wird neu?

Weit gefehlt: ein Pferd, das sein Leben lang weitestgehend im Stall verbracht hat, stundenweisen Auslauf genießen durfte, geritten, gefüttert und verhätschelt wurde, kann man nicht einfach von heute auf morgen auswildern. Das Pferd muß Zeit haben, sich an die oft völlig anderen Lebensumstände zu gewöhnen. Gerade solche Pferde, die den Großteil ihres Lebens in einer Einzelbox verbracht haben und auch auf der Weide vielleicht nie in einer Gruppe waren, müssen sich erst an das Leben in einer Herde mit ihren Rangordnungen und sozialen Strukturen gewöhnen und lernen, ihren unmittelbaren Lebensraum mit Artgenossen zu teilen.

Futterumstellung

Auch kann man ein Pferd, das immer mit Heu und Kraftfutter gefüttert wurde, nicht einfach auf die Wiese stellen und glauben, daß es nun nur noch von Gras leben kann. Auch diese Umstellung braucht Zeit, sonst sieht der „glückliche Rentner“ nach kurzer Zeit aus, als wäre er von einer Tierschutzorganisation gerettet worden. Es ist daher von großer Wichtigkeit, daß diese Ernährungsumstellung schrittweise vor sich geht. Das Pferd sollte in der ersten Zeit der Umstellung noch zugefüttert werden, vor allem mit gutem Heu, damit es sich langsam an die vollständige Ernährung mit Gras gewöhnen kann. Ideal ist, wenn man auf der Wiese eine Raufe zur Verfügung hat, die ständig die Möglichkeit zur Heuaufnahme anbietet. Dann können die Pferde sich selbst nach und nach entwöhnen und fallen nicht so zusammen, als wenn man sie direkt komplett auf Gras umstellt.

Haltung

Auch ein Unterstand oder eine natürliche Unterstellmöglichkeit in Form von großen Bäumen oder dichten Sträuchern ist von großer Wichtigkeit. Stallpferde sind selten an widrige Wetterbedingungen gewöhnt. Auch im Sommer kann es langanhaltende, kühle Regentage geben und ein „Neurentner“, der bei solchem Wetter bisher wohlbehalten in seiner trockenen Box stand, kommt schon mal ganz schön ins Frieren, wenn er plötzlich tagelang durchnäßt auf der Wiese rumsteht.

Zeitpunkt

Auch der richtige Zeitpunkt der Umstellung ist von großer Bedeutung. Einem Stallpferd, das bisher im Winter im kuscheligen Stall mit warmer Decke stand tut man keinen Gefallen, wenn man es im Herbst nackt in einen Offenstall mit anderen Pferden stellt. Möglicherweise ist der gute Zosse noch rangniedrig und darf die erste Zeit nicht rein und auch nicht ans Futter und steht dann frierend und hungrig draußen in der Kälte und Nässe. Er würde seine neugewonnene Freitheit dann wohl eher als Strafe sehen.

Wir z. B. stellen unsere „Neurentner“ im April für ca. 1 Monat tagsüber in einen Offenstall mit einem anderen Pferd aus der künftigen Gruppe  bei weiterer Zufütterung von Heu und Mineralfutter sowie stundenweisem Weidegang, der allmählich gesteigert wird. Ab Mai – bei gutem Wetter – geht die ganze Mannschaft dann auf die Sommerweide mit der Möglichkeit sich unterzustellen und zunächst noch mit Zufütterung von Heu. Die Pferde haben dann den ganzen Sommer über bei viel Platz die Möglichkeit sich kennenzulernen, ihre Rangordnung auszufechten und ihren Thermohaushalt auf Außentemperatur einzustellen. Wenn sie dann im Herbst umziehen ins Winterquartier bilden sich in der Regel ganz von selbst Paare, die zusammenstehen und -fressen und es gibt keine Probleme im engeren Bereich des Offenstalls. Auch bildet sich dann meist schon im ersten Winter ein schöner dicker Winterpelz. Wir hatten schon Exemplare, die mehr einem Grizzly ähnelten als einem Pferd – im Westerwald ist es halt kalt! 🙂

Versorgung

Selbstverständlich sollte auch sein, daß dem alten Kumpel weiterhin sämtliche Zusatzversorgungen, wie Impfungen, Wurmkuren, Schmiedbesuche und – ganz wichtig – regelmäßige Zahnkontrollen zuteil werden. Gerade alte Pferde haben häufig Probleme mit den Zähnen und können dann nicht mehr richtig kauen, was die Futteraufnahme und -verwertung erheblich erschwert. Daher ist es sehr wichtig, regelmäßig überprüfen zu lassen, ob Zähne wackeln oder scharfe Kanten haben, damit das Rentnerdasein nicht zu einer schmerzhaften Angelegenheit wird.

Die letzte Reise

Und irgendwann kommt dann der Tag, an dem es für jeden Rentner Zeit ist die letzte Reise auf die große Weide anzutreten. Auch das gehört dazu und kein Pferdebesitzer sollte sich davor drücken, seinem Pferd an diesem Tag beizustehen. Diese Entscheidung zu treffen ist nicht leicht und jeder scheut sich naturgemäß davor. Aber sie sollte mit bestem Wissen und Gewissen im Sinne des Pferdes getroffen werden. Ein verantwortungsbewußter Stallbetreiber wird die ihm anvertrauten Pferde ohnehin genau beobachten und erkennen, wann es für ein Pferd soweit ist und dies dem Pferdebesitzer mitteilen. Bei meinem „ersten Mal“ habe ich zu lange mit der Entscheidung gewartet, weil ich es nicht ertragen konnte, mein Pferd zu verlieren und habe ihm dadurch unnötige Leidenszeit aufgebürdet. Es ist nicht leicht, hier den richtigen Zeitpunkt zu erkennen und erfordert viel Erfahrung. Im Zweifelsfall sollte man einen Tierarzt zu Rate ziehen, der dann entscheidet, ob das Pferd besser erlöst werden sollte.

Über die „Methode“ des Abschieds gibt es ebenfalls unterschiedliche Ansichten. Es kursieren schreckliche Schauergeschichten über den Todeskampf beim Einschläfern bis hin zum wieder Wachwerden usw. Kann ich alles nicht bestätigen. Wenn ein Tierarzt sein Handwerk versteht ist dies eine Sekundensache. Unsere Pferde verlassen den Hof nicht lebend, um zu einem Schlachter gebracht zu werden. Dies wäre mit unnötigem Streß und Angst verbunden, häufig sind sie seit Jahren nicht mehr gefahren. Sie sterben auf ihrer Weide, in der Nähe ihrer Kumpels und mit einer Schüssel Hafer vor der Nase. Ich habe schon viele Pferde auf ihrem letzten Weg begleitet, Eigene und Fremde, und es ist nie leicht. Aber es war auch nie „schlimm“ für das Pferd im Sinne von Schmerzen oder Todeskampf.

Aber erstmal hoffen wir doch, daß unsere Oldies noch ein schönes, langes und gesundes Rentnerleben genießen dürfen. Alte Pferde haben einen ganz besonderen Charme. Mit den Jahren stellt sich eine gewisse Alterssturheit ein, so als stünden sie über allem drüber, was sie auf eine ganz eigene Art liebenswert macht. Probiert es aus.

Es lohnt sich!

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